Otto-Hahn-Medaille für Lion Schulz
Auszeichnung würdigt Untersuchung, wie Menschen ihre eigene Gedankenwelt und die anderer verstehen
Auf den Punkt gebracht
- Für herausragende Doktorarbeit: Lion Schulz erhält den mit 7 500 Euro dotierten renommierten Preis der Max-Planck-Gesellschaft.
- Umgang mit Unsicherheit: Wie Menschen und Künstliche Intelligenzen entscheiden, ob sie sich selbst und anderen vertrauen können
- Fehlinformationen: Erkennen voreingenommener und unzuverlässiger Quellen
- Vertrauen, Misstrauen, Paranoia: Übermäßige Vorsicht kann zum Zusammenbruch der Kooperation führen.
In Zeiten rascher technologischer, politischer und gesellschaftlicher Veränderungen wird es immer relevanter, zu verstehen, wie Menschen ihrem eigenen Urteilsvermögen und einander vertrauen. Für seine herausragende Arbeit zu Vertrauen und Misstrauen wurde nun Lion Schulz vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen mit der Otto-Hahn-Medaille ausgezeichnet.
Schulz veranschaulicht seine Forschungsfragen gerne mit einer Episode aus der Kubakrise: Auf deren Höhepunkt drang ein mit Nukleartorpedos bewaffnetes sowjetisches U-Boot in die US-Blockadezone um Kuba ein. Als es von US-Streitkräften mit Übungswasserbomben beschossen wurde, ging der Kapitän von einem Kriegsausbruch aus und erwog den Einsatz von Atomwaffen. „In einer unsicheren Welt müssen wir ständig Überlegungen über uns selbst und andere anstellen“, sagt Schulz. „Ich habe untersucht, wie Menschen und Maschinen mit Fragen umgehen, die sich den sowjetischen Offizieren stellten: Wissen wir genug, um eine Entscheidung zu treffen? Können wir anderen vertrauen? Wollen sie uns schaden?“
Modellierung von Vertrauen und Misstrauen
Schulz entwickelte ein mathematisches Modell dafür, wie Unsicherheit über die eigenen Urteile die Informationssuche beeinflusst – mit überraschend komplexen Implikationen dafür, wie Akteure neue Informationen sammeln und nutzen sollten. Darüber hinaus widmete er sich der Frage, wie wir entscheiden, welchen Quellen wir vertrauen. Er wies nach, dass Menschen angesichts einer Flut von Informationen aus teils unzuverlässigen und voreingenommenen Quellen im Allgemeinen gut unterscheiden können, welche davon vertrauenswürdig sind. Seine Modellierung zeigt auch auf, wo unsere Urteilsfähigkeit zu versagen neigt, wenn wir mit einseitigen oder irrelevanten Informationen konfrontiert sind.
Schulz erweiterte seine Fragestellung auf den Bereich der künstlichen Intelligenz und untersuchte, wie Menschen und KI-Agenten Täuschung und Manipulation erkennen, darauf mit ähnlichen Taktiken reagieren und wie das Gegenüber wiederum dieses Verhalten vorhersagt und beantwortet. Er zeigte, dass selbst in scheinbar simplen Situationen eine übermäßig strategische Denkweise zu einem völligen Zusammenbruch des Vertrauens und zu Paranoia mit Nachteilen für beide Seiten führen kann.
„Lion Schulz’ Arbeit verbindet auf wunderbare Weise zwei Forschungsfelder, die von einer viel engeren Verknüpfung profitieren können: Metakognition – das Vertrauen in unsere eigenen mentalen Prozesse – und Metakontrolle – Entscheidungsfindung unter unsicheren Bedingungen“, sagte Peter Dayan, der Schulz’ Doktorarbeit betreute. „Er weitet seinen Ansatz anschließend transparent und elegant auf die Theory of Mind anderer Menschen aus, also darauf, wie wir die Gedanken und Absichten anderer verstehen.“
Die Otto-Hahn-Medaille wird seit 1978 jährlich an Nachwuchsforschende für herausragende wissenschaftliche Leistungen vergeben, meist in Verbindung mit ihrer Promotion. Sie ist mit 7 500 Euro dotiert.
