Orientierung in Tübingens Gassen

Max-Planck-Wissenschaftler finden heraus, wie wir das Ortsgedächtnis nutzen

3. Juli 2015

„Haben Sie gut hergefunden?“ Eine alltägliche Floskel. Doch für die Psychologen Tobias Meilinger und Julia Frankenstein haben diese Worte eine tiefere Bedeutung. Die beiden Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen beschäftigen sich mit der Orientierung im Alltag: Wie finden wir von A nach B? Und welche Strategien nutzen wir dafür?

Tübingen: Marktplatz mit historischem Rathaus. Für die Studie sollten Tübinger Bürger ihre Heimatstadt von verschiedenen Blickwinkeln und Standorten aus im Kopf reproduzieren.

Durch unser Ortsgedächtnis haben wir eine relativ gute Vorstellung davon, wo wir uns gerade befinden und wo andere Orte liegen. Dabei hilft uns die Erinnerung an Papier- und elektronische Karten – unser Ortsgedächtnis ist offenbar grundsätzlich nach Norden ausgerichtet. Die Max-Planck-Forscher Tobias Meilinger und Julia Frankenstein wollten nun aber wissen, ob Menschen ihr Ortsgedächtnis wie eine starre Landkarte nutzen, oder ob sie die mentale Vorstellung an den aktuellen Standort und die Blickrichtung anpassen.

Ihre Studie führten die beiden Psychologen im Stadtzentrum von Tübingen durch. Die Forscher befragten ortsansässige Besucher in Cafés und Kneipen und ließen sie eine Karte der Innenstadt zeichnen. Die spontan rekrutierten Probanden taten dies in unterschiedlichen Körperorientierungen – also nach Norden, Süden, Osten oder Westen ausgerichtet – und mit unterschiedlichen Blickwinkeln auf die Innenstadt. „Wir wollten beispielsweise wissen, wie jemand einen Standort in der Innenstadt findet, wenn er am östlichen Altstadtrand steht und nach Süden schaut“, erklärt Meilinger.

Das Ergebnis: Die Befragten führten sich die Innenstadt bevorzugt entlang der Blickrichtung vor Augen. Und auch der Standpunkt spielte eine wichtige Rolle: So lag der Süden dann mitunter oben. Die Probanden passten ihr Ortswissen also automatisch an ihre derzeitige Situation an. Eine geistige Beanspruchung – die Nord-Karte aus dem Gedächtnis muss im Kopf schließlich erst gedreht werden. Die Forscher vermuten, dass dieser Aufwand auch einen Nutzen hat: Immerhin können Menschen dadurch ihren Weg flexibel und schnell finden, auch wenn sich Standort und Blickrichtung permanent ändern.

„Diese Erkenntnisse könnten auf lange Sicht zu einer besseren Gestaltung von Navigationsgeräten, Karten oder Hinweisschildern verwendet werden“, sagt Tobias Meilinger.

CB/HR

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